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Von Pfefferminz und kalten Waschlappen

von Edda

Ich hab keine Karten mehr, weint Mimimi. Gar nix meeeeeheeeeeuuuuääääääääähhhhhrrrr. Das kleine Mädchen ist total verzeifelt, ihr Leben offensichtlich am Ende und wir sitzen hilflos dabei. Mimimi, schaltet sich ihr großer Bruder ein, das könnte daran liegen, dass du gewonnen hast. Du hast alle Karten abgelegt. So ist das bei diesem Spiel. Nein, plärrt es von der anderen Tischseite, ihr seid fies. Nie soll ich mitspielen und jetzt habt ihr mir alle Karten weggeschmisst. Weil du gewonnen hast, Beanie ist echt nicht aus der Ruhe zu bringen während ich mir bereits seit drei Minuten ein Sofakissen vors Gesicht halte, damit keiner sieht, wie mir vor lauter Augenrollen demnächst die Augäpfel direkt ins Gehirn schauen. Ihr Stinkis, brüllt Mimimi, ich habe erst dann gewonnen, wenn ich bestimme, dass ich gewonnen habe. Ich bin nämlich der Chef und der Bestimmer. So, jetzt habe ich gewonnen. Abgang kleines rundes Mädchen. Können wir jetzt endlich weiterspielen? Elly muss als Mathehausaufgabe jeden Tag eine Runde Uno spielen, was sich als unwahrscheinlich hindernisreich entpuppt. Mama, spielen wir weiter, Mama? Wieso hast du einen Waschlappen auf dem Kopf liegen? Kaltes Wasser und Pfefferminzöl, erkläre ich würdevoll. Habe ich im Krankenhaus gelernt. Hilft gegen Wehenschmerzen und Kleinkinder.

Mit dem Start des neuen Jahres kommt auch meine Rückkehr ins klinische Praktikum. Und unser ohnehin schon krisengeschüttelter Haushalt bricht durch die Schallmauer. Du morgen Spülmaschine und Trinkflaschen, du Lunchboxen, Betten machen, du hast Bibliothek, du hast Sport, helft hier um Gottes Willen mit, kann mal jemand das Baby aus dem Spülmaschine ziehen, bunte Socken zum Sport, macht die Hausaufgaben wie besprochen, Abendessen habe ich vorgekocht, ruft mich an, wenn was ist. Ach nee, ruft lieber nicht an. Doch, ruft an, aber nur in Notfällen. Also, ruft an, wenn jemand kurz vorm Sterben ist, sonst nicht. Ich sterbe jetzt schon, motzt Dark Vader, denn ich habe die allerblödeste Lehrerin aller Zeiten und die Woche dauert schon hundert Jahre. Alle Lehrer sind blöd, sage ich, würde man für Spaß bezahlen, hätten sie ja auch Animateure in irgendeinem Ferienclub werden können. Ehem, sagt der Ire. Also, versuche ich zu retten, die sollen euch was beibringen, was per se blöd ist und keinen Spaß machen soll. Lass es, sagt der Ire, die Kurve kriegst du nicht mehr. In Australien bekommen Kinder jedes Jahr einen neuen Lehrer und auch eine neue Klasse. Wen man bekommt und wo man gelandet ist, erfährt man am ersten Schultag nach den Ferien. Während Beanie und Elly ganz zufrieden sind, steht Dark Vader kurz vor Implosion. Die ist so streng, flüstert Dark Vader, und ich mache alles falsch: Haare zusammenbinden, Rucksack zu, Stifte links, ich kann mir das gar nicht alles merken. Sie ist bekümmert. Und ich muss vor lauter gerechtem Zorn ein bißchen auf und ablaufen. Was bilden sich Schulen eigentlich ein, meine Kinder so zu verunsichern. Blöde Kuh, blöde Regeln, blöde Schule. Nun muss man zugeben, dass Dark Vader ein unwahrscheinlicher Dreckwatz ist, ein Schussel und mit einem Hang zum Chaos ausgestattet, der seinesgleichen sucht. Oder auch nicht, stelle ich fest, als ich beobachte, wie der Ire gedankenverloren aus dem Küchenfenster schaut, während sich das Baby im Hochstuhl neben ihm begeistert das Müsli in die Haare kleistert. Ich rede mit der, brause ich auf und nehme meine Tochter in den Arm. Warte doch mal, sagt der Ire später, die Schule hat vor einer Woche angefangen und du kennst doch die Frau gar nicht. Brauche ich auch nicht, ereifere ich mich, Lehrer sind alle gleich. Das kann ich doch von hier aus sehen, die ist zu streng und fies zu den Kindern und die lernen sowieso nichts, wenn sie Angst haben. Am nächsten Nachmittag klingelt das Telefon, während ich gerade versuche, Elly den Unterschied zwischen B und D zu erklären. Hier ist Dark Vaders Lehrerin, trötet es mir aus dem Hörer entgegen. Öh, sage ich und klinge wahrscheinlich genauso blöd, wie ich aus der Wäsche schaue. Sie wolle zu Schulstart mal die Eltern der Kinder aus ihrer Klasse anrufen und erzählen, wie die so gestartet seien. Klarer Fall von Kontrollzwang, denke ich mir, was für eine Kuh, arme Dark Vader. Dark Vader sei ein außergewöhnliches Kind und ein Geschenk für jeden Lehrer, der sie unterrichten würde. Äh, sage ich und merke zu spät, dass mir das Baby begeistert Wasser aus seiner Trinktasse in den Hosenaufschlag gießt. Ach so, stottere ich, das ist ja, also, ach so. Dark Vader gehöre zu den Kindern, denen man bis auf den Grund der Seele schauen könne, was selten und berührend sei. Kurz: sie sei wundervoll. Ja, sage ich, das ist sie. Für einen kurzen Moment sind wir beide still und verbunden im Einvernehmen über die Besonderheit des Mädchens, das wir Dark Vader nennen. Später werde ich Dark Vader erzählen, dass ihre Lehrerin Arthritis in den Händen hat und Angst hat, im Klassenzimmer zu fallen. Deswegen bitte sie ihre Schüler, die Rucksäcke geschlossen zu halten, damit nichts rausfalle. Ach so, sagt Dark Vader und ihre Augen leuchten im blassen Gesicht. Schatz, deine Lehrerin ist deutlich und bestimmt und wenn sie dir laut und klar sagt, was Sache ist, dann meint sie das nicht böse, auch wenn sie fies klingt. Ich glaube, sie ist einfach so, erkläre ich weiter. Kennen wir ja von dir, sagt Beanie, der über seinem 2000-Teile Puzzle brütet. Ich bin sehr nett und null direktiv, sage ich, im Gegensatz zu eurem Vater, dem alten Bestimmer. Ich bin der Bestimmer, brüllt Mimimi, ich und keiner sonst und ich bestimme, dass wir jetzt Sesamstrasse schauen. Bloody hell, sagt der Ire, gib mir mal den Pfefferminz-Waschlappen.

Am nächsten Tag fahre ich im Dunklen zum Krankenhaus und finde mich wenig später im Operationssaal wieder. Mission: die tägliche Ladung an geplanten Kaiserschnitten. Meine supervisionierende Hebamme und ich besprechen die Aufteilung und wir gehen in Position. Anästhesie, Schnitt, Fluchtblasenwasser. 07:33 Uhr schreibe ich auf, klares Fruchtwasser. Dann wird es still im OP und kurz darauf hektisch. Das Kind steckt im Becken. Geburtshilfliche Notfälle haben an sich, dass sich Sekunden wie Minuten anfühlt. Die Hebamme und ich tauschen Blicke und ich wähle am Telefon den Notruf, draußen auf dem Gang wird es laut. Nach dreihundert Jahren kommt das Kind zur Welt. Es ist blau und rührt sich nicht. Die operierende Ärztin zeigt es den Eltern gar nicht erst, sondern legt es uns auf die Wiederbelebungseinheit. Ich habe keine Zeit, um über mein Training nachzudenken, sondern gehe ans Fußende. Mit einem trockenen Handtuch rubbele ich winzige Fußsohlen so fest ich kann. Und spüre wie in jedem Notfall, dass sich meine toten Mädchen rechts und links auf meine Schultern setzen. Komm schon, denke ich. Tauschen, kommandiert meine Hebamme. Ich stehe am Kopfende und fixiere die irre kleine Atemmaske. Pumpen, pumpen, pumpen, Pause. Komm schon, denke ich. Bitte, denke ich, dreh jetzt nicht um. Dann verzieht dieses unfassbar kleine Kind sein Gesicht und endlich kommt ein erster Schrei. Tschüß Mädchen, verabschiede ich meine Töchter, kommt bald wieder. Ich kenne den Platz nicht, von dem andere Menschen nach Extremsituationen Kraft sammeln. Ich aber denke an meine Kinder, an ihre kurzen und langen und abwesenden Arme, ihre runden oder knochigen Gliedmaße, die sich fest um mich legen.

Ein paar Tage später passiert das Unfassbare: ich bin allein daheim. Kinder sind in der Schule, Kleinkinder in der Betreuung, der Ire in der Uni - nur ich bin noch da. Und ich denke daran, wie ich vor vielen Jahren durch Death Valley gefahren bin und ich in der unendlichen Stille der Wüste mein eigenes Blut in den Ohren habe rauschen hören. Was höre ich, frage ich mich: Die unermüdliche Waschmaschine, das Summen der Abzugshaube beim Vorkochen von irgendwelchen Mahlzeiten, Raumi (unseren Saug-Roboter), die Vögel im Garten. Aber über allem liegt die Anwesenheit dieser ganzen Menschen, die ich so sehr liebe, dass sie mich selbst an der Schnittstelle zwischen Leben und Sterben tragen. Dann allerdings brennt blöderweise meine Brokkolisuppe an und der Moment verfliegt.

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