Die Zeit vor den Sommerferien ist magisch, denn sechs Wochen sind eine geradezu unverschämt lange Zeit, in der sich das Verlernen alle eingespielten Tagesabläufe so richtig lohnt. Und weil die Australier immer gerne Sachen neben der Spur machen, endet die Schule nicht an einem Freitag, sondern an einem Mittwoch. Das Baby, Mimimi und ich gehen den Sommerferien-Kindern auf ihrem Schulferien entgegen und wo sonst geschlurft und getrödelt wird, wogen Scharen von strahlenden Kindergesichtern der Sonne entgegen. Meine Arme sind mit jedem Kind scheinbar in der Länge mitgewachsen und als meine drei Sommerferien-Schulkinder reinfliegen, passen erstaunlicherweise alle fünf Kinder in eine Umarmung. Wir gehen heim und die Rucksäcke, Uniformen, Schulschuhe und der ganze andere Schulkram fliegt in die Ecke. Als ich ein Kind war, sind meine Mama und ich nach dem letzten Schultag des Schuljahres immer zum Spaghetti-Eis-Essen in unsere Eisdiele gegangen. Und ich weiß noch, dass Freiheit seitdem immer ein bißchen nach Vanilleeis mit Erdbeersoße schmeckt. Eisdielen gibt es in Australien nicht, also gehen wir in unser Lieblingscafé, von dem aus man das Meer riechen kann, es Gingerbread-Männer das ganze Jahr lang gibt und wo uns die Leute mittlerweile so gut kennen (wobei man als Mutter mit fünf Kindern echt immer sehr schnell wiedererkannt wird), dass wir immer automatisch einen ganzen Teller mit Orangenstücken bekommen. Und ich oft meinen Kaffee nicht bezahlen muss, weil man vielleicht merkt, dass ich mich auf diesen Kaffee schon den ganzen Tag lang freue.

Woche 1

Also, Jungs, sage ich und nehme Block und Stifte raus. Jürgen Klopp hat immerhin auch nur sechs Leute mehr auf dem Platz stehen. Wir machen jetzt eine Liste von allen Sachen, die wir in den Ferien machen wollen. Nach Deutschland fahren, sagt Elly und sein sommersprossiges Gesicht verknautscht sich traurig. Das ganze Jahr haben wir über die geplante Heimreise nach Deutschland gesprochen und darüber, dass wir dann schon zwei Jahre nicht mehr daheim gewesen sind. Dann wurde Deutschland von der zweiten Corona-Welle überspült und Australien hat auch nach monatelanger Grenzschließung das Reiseverbot nicht aufgehoben. Ein schwerer Schlag für die Kinder und entsetzlich für mich. Aber jetzt sind Sommerferien, wir sind hier und das Meer liegt auf der anderen Straßenseite. Geht nicht, Schatz, sage ich zu Elly und drücke ihn. Sydney, ruft Dark Vader, Central Coast, zum Mond, Hai-Tauchen, nach Manly, auf einem Pferd reiten, und dann in die Blue Mountains und wenn uns langweilig wird, können wir ja in den Urlaub fahren. Ich will mal zu IKEA, erklärt Elly sehnsuchtsvoll und auf einem Pferdchen reiten, aber nur, wenn es groß und haarig ist. Nacktpferde gibt es in Australien gar nicht, beruhige ich ihn. Und du, Beanie, frage ich meinen großen Sohn? Egal, sagt der, nur nie wieder in die blöde Schule zurück. Sechs Wochen sind ewig, erkläre ich. Und frage mich, wer sich hier gerade mehr auf die vor uns liegenden Wochen freut: die Kinder oder ich.

Woche 2

Wieviel Stempel kriegt man nochmal für Kühlschrank saubermachen, fragt Dark Vader entnervt. Ruhe, schrubben, kommandiert Beanie und schiebt beharrlich eine alte Zahnbürste zwischen die Schienen. Mit den Ferien sind auch die Stempel zurückgekehrt, die man sich verdienen und dann für alle möglichen Sachen einlösen kann: neue Stifte, Limonade, eine Tüte Gummibärchen, aber auch 30 Minuten fernsehen usw. Beanie und Hope wollten gerne eine Stempelaufgabe, bei der man möglichst viele verdient. Die haben sie dann auch bekommen. Wie oft macht man Kühlschränke sauber, Mama, fragt Dark Vader hoffnungsvoll, so alle zehn Jahre? Ich bleibe eine Antwort schuldig, denn ich brüte über Reiserouten. Nachdem die Europa-Reise ausfallen muss, haben sich der Ire und ich durchgerungen, in Australien Urlaub zu machen. Unser erster gemeinsamer Urlaub seit 2-3 Jahren! Wir fahren in den Urlaub, tröte ich abends in die Runde. Juchu, freuen sich alle. Obwohl wir auf einem riesigen Kontinent wohnen, sehen wir außer unserem näheren Umfeld wenig, keine Zeit und irgendwie immer viel zu tun. Jetzt also gehen wir auf Entdeckungsreise. Aufgeregt gehen wir ins Bett, denn von sechs Ferienwochen wollen wir drei Wochen unterwegs sein.
Am nächsten Tag treten zum ersten Mal seit Wochen Corona-Fälle in Sydney auf. Und zwar in unserem Nachbarort. Innerhalb kürzester Zeit gehen die Staatengrenzen zu und wir müssen den Kindern, denen wir gerade den Urlaub angekündigt haben, sagen, dass daraus doch nichts wird. Ich schaue auf die Ausflugsliste von unserem letzten Schultag-Kakao-trinken. Was wird denn jetzt, frage ich den Iren. Was wird denn jetzt mit ihren Sommerferien? Keine Ahnung, sagt der Ire und abends schlafen wir mit Bauchschmerzen ein. Am nächsten Tag klingelt das Telefon und dran ist das Gesundheitsamt: Wir seien an einem Ort registriert, der von einem Corona-positiv getesteten Menschen besucht worden sei. Damit seien wir als potentiell enge Kontakte zur 14 tägigen Quarantäne verpflichtet, von denen aber einige bereits verstrichen seien. In jedem Fall: Danke für den Dienst an der Gemeinschaft, jetzt sollten wir uns aber zweimal mit mehreren Tagen Abstand testen lassen und dürften dann in etwas über einer Woche wieder das Haus verlassen. Have a good day! Der Ire sieht panisch aus, ich traue mich fast nicht, den Kindern davon zu erzählen. Wir dürfen acht Tage das Haus nicht mehr verlassen, erkläre ich ihnen dann doch. Und Weihnachten, dein Geburtstag, wir haben doch Ferien, finden die Kinder. Egal, sage ich, setze Kopfhörer auf und gehe für eine Lied-Länge aufs Trampolin. Hört zu, erkläre ich, als ich zurückkomme, das ist wirklich Scheiße - aber wir sind mutig und kühn. Und wir machen da jetzt was draus. Weil es im Leben nicht darum geht, was man so zugewürfelt bekommt, sondern darum, was man damit macht.

Woche 3

Dark Vader riecht komisch, findet Elly. Dark Vader guckt beleidigt: Gar nicht. Wir haben seit sechs Tagen unser Grundstück nicht mehr verlassen und machen schon gerne mal einen sehr aufregenden Ausflug in unseren Vorgarten. Komisch riecht das, findet Elly und schiebt seinen Zinken in Richtung seiner Schwester, der es jetzt dann doch auch reicht. Ich rieche nicht komisch, brüllt sie. Das könnte damit zu tun haben, Schatz, erkläre ich meinem Sohn, dass Dark Vader direkt neben den Mülltonnen steht, die heute abgeholt werden. Ach so, sagt Elly, kann ich ja nicht wissen. Nee, genau, sage ich, so ein bis fünf Mülltönnchen (dreimal Biotonne, einmal Plastik, einmal normaler Hausmüll) kann man schonmal übersehen. Wenn sieben Personen tagelang immer zusammen sind, verliert sich das Große und Ganze im Geraune des jeweiligen Tages. Wir reißen den uralten Brunnen im Vordergarten ab, spielen Federball und Badminton, malen, puzzlen und Dark Vader zieht zu Beanie ins Zimmer, weil sie da besser schläft. Im Zimmer nebenan entbrennt daraufhin der Krieg der Knöpfe. Ich bin hier der Chef, erklärt Elly würdevoll, seines Zeichens neuer Bewohner des oberen Stockbetts. Ich bin der Chef und der Gewinner, erklärt Mimimi, ihres Zeichens neu zugezogen. Ich bin der Chef und ich sage dir hiermit, du bist es nicht, brüllt Elly. Daraufhin haut ihm Mimimi kurzentschlossen die Trinkflasche auf den Kopf. Bei uns ist es fast wie in Bullerbü, nur in Australien und ohne Blaubeerbüsche. Wann können wir denn wieder wohin, fragt Dark Vader abends beim Schlafengehen und spielt Schiffe versenken mit ihrem großen Bruder. Das macht man, in dem man einen Buntstift vom unteren Stockbett aus in die obere Matratze piekt und wenn es oben wütend schnaubt, hat man das Schiff gefunden - oder versenkt. Wann geht Dark Vader wieder in ihr Zimmer zurück, will Beanie wissen, sie redet die ganze Zeit mit mir. Ich schlaf hier doch so gut, sagt die und macht ein trauriges Gesicht. Naja, dann halt, sagt Beanie, von dem man nur die knochigen Knie sieht und blättert energisch in "11 Freunde", das regelmäßig aus Deutschland ankommt. Ich bin der Chef, der Bestimmer und der Gewinner und du bist Puppu Kacka, brüllt es aus dem Nebenzimmer, wo sich Mimimi und Elly gepflegt darüber unterhalten, wer heute das abendliche Hörvergnügen auswählt. Morgen können wir wieder raus, Schatz, sage ich Dark Vader. Toll, oder? Och, sagt die, war doch ganz schön so zusammen. Könnten wir öfter machen.

Woche 4

Muss Dark Vader eigentlich bei allem Geräusche machen, empört sich Beanie. FumpFumpFumpBrrrrrwwwwwww, singt Dark Vader und mischt Mehl und Zucker. Wenn Dark Vader eine Duftkerze wäre, dann würde sie nach Pfingstrose und Kokosnuss und ein bisschen nach gebratenem Speck und gebrannter Mandel riechen. Und wie eine Duftkerze, spürt man dieses Kind überall im Haus. Wenn man ich ist, liebt man diese Präsenz. Wenn man ihr großer Bruder ist, fragt man sich, wieso jemand Alltagshandlungen kakophonisch begleiten möchte. Die Sommerferien sind zur Hälfte rum, fällt mir ein. Was, Beanie ist alarmiert, kann nicht sein, Mama, schau doch mal nach. Doch, hier, ich zeige auf den Kalender, ist doch aber egal, wir haben noch so viel Zeit! Die Tage riechen nach Garten, nach Gurken- und Tomatenpflanzen, nach Sonnencreme, nach Buchseiten und Schokokeksen und nach klebrigen Babyhänden. Wir haben bisher keinen unserer Ausflüge gemacht, keine anderen Leute gesehen, dürfen niemanden besucht und von keinem besucht werden, weil die northern Northern Beaches abgeriegelt sind. Und trotzdem liegt über unseren Tagen die ganz große Magie völligen Lebensglücks. Wir räumen Gartenecken auf, kauen auf Pfefferminzblättern und bauen auf unserer Veranda IKEA-Regale auf, die seit einem Jahr auf uns warten. Wenn du doch nicht zu IKEA kannst, Schatz, biete ich Elly an, soll ich dir einen Hot Dog machen? Och nö, sagt der, war nicht so wichtig. Kann ich jetzt wieder gehen und Vögel fernglasen? Seit Elly zu Weihnachten per Post ein Fernglas bekommen hat, sitzt er stundenlang im Baumhaus und macht sich Notizen zur einheimischen Vogelwelt, die sich prompt ordentlich ins Zeug legt: Elly fernglast Kookaburras mit Nachwuchs, Elstern, Cockatoos, peach-faced lovebirds, einen winzigen brush turkey und die Hühner unserer Nachbarin. Abends liegen die Kinder im Bett und erzählen vom Tag, der voller Abenteuer und Schönheit war. Draußen singen die Zikaden.

Woche 5

Auf einmal ist die Abriegelung vorbei und der Ire fährt in den Urlaub ins Büro. Abends schaue ich aufs Telefon und bitte Dark Vader, den Papa zurückzurufen und zu fragen, was er denn wollte, denn das Baby sitzt gerade in der Spüle, badet und kaut begeistert meinen Spülschwamm. What do you want, knattert Dark Vader in den Hörer, als der Ire das Telefon abhebt. Ah, the world famous German charme, lacht er. Heute sind wir zum allerersten Ausflug der Sommerferien aufgebrochen und haben den Ausflug nachgeholt, den ich mir zum Geburtstag gewünscht hatte: Sydney. Als wir die Harbour Bridge überqueren, winken wir Oma und Opa und sagen ihnen, dass wir sie gerne hier hätten. Man mag es nicht glauben, aber ich liebe Ausflüge mit allen fünf Kindern: eine Mischung aus Russischem Roulette, Basejumping und Disneyland. Letzteres wahrscheinlich besonders wegen Dark Vader, die Bäume umarmt, mit wirklich jedem Tier und Mensch ins Gespräch kommt und derart große Portionen Pommes verdrücken kann, dass man ins Staunen kommt. Auf einem dieser Ausflüge steht das Baby mit T-Rex mäßig angewinkelten Armen auf seinen Speckbeinen. Und macht einen Schritt. Dann noch einen. Wir klatschen und jubeln - ein fünfköpfiger Fanclub. Das Baby lacht über sein ganzes speckiges Gesicht und zeigt seine Zahnlücke zwischen den Vorderzähnen. Für einen kurzen Moment sehe mich meinen Opa im kleinen, strahlenden Gesicht. Dann stürmen ihre Geschwister zum kleinsten Mädchen meiner Herde.

Woche 6

Was wollen wir denn zum Ferienabschluß machen, frage ich die Kinder. Wie, Abschluß, fragt Elly. Am Freitag geht die Schule los, sage ich. Und am Montag drauf starte ich ins Krankenhauspraktikum, füge ich hinzu. Wie, sagt Dark Vader, bist du dann nicht mehr hier? Beanie fängt an zu weinen. Das waren nie im Leben sechs Wochen, murmelt er und Tränen laufen seine Backen runter. Wir wollen nicht, dass du nicht da bist! Du sollst immer da sein und wir ziehen nie aus und wenn wir mal Kinder haben, wohnen wir immernoch alle zusammen. Ich nicht, erklärt Mimimi bestimmt, ich bin nämlich der Chef und will einen Schokokeks. Dann will ich nach The Entrance, erklärt Beanie, wenn schon die Ferien vorbei sein müssen. Also fahren wir in das zauberhafte Städtchen an der Central Coast und machen alle Sachen, die meine Kinder dort immer gerne machen. Die Sonne scheint, wir riechen nach Creme und schmecken nach Salz und zum Schluß sucht sich Beanie im schönsten Laden Australiens (der übrigens Shadow Bang heißt) eine Duftkerze aus, die nach Eukalyptus und Vanille riecht. Abends liegt er im Bett und die angezündete Kerze leuchtet im Dunklen. Das waren richtig schöne Ferien, sagt er leise. Und dann: Mann, Dark Vader! Schiff versenkt, lacht die von unten.

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