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Drei Kubikmeter

von Edda

Ich würde gerne Ruth Bader Ginsberg einen Brief schreiben. Aber jetzt ist es zu spät und wahrscheinlich hätte sie zu Lebzeiten sowieso keine Zeit für Fanpost gehabt. Nun glaube ich aber zufällig an die transzendentale Macht des geschriebenen Wortes und daran, dass an "besser spät als nie" was Wahres dran ist - es sei denn, es handelt sich um Milchprodukte. Dann doch lieber nicht.

 

Liebe Ruth Bader Ginsberg,

am Montag musste ich an Sie denken. Ich hatte nämlich ein bißchen Erde für meinen Garten bestellt und die sollte angeliefert werden. Als der Kipplaster in unsere Einfahrt biegt, sind Elly, Dark Vader, das Baby und ich sehr aufgeregt. Elly und Dark Vader sind mit Sandschaufeln ausgestattet und zum gemeinsamen Buddeln bereit. Das Baby ist guter Dinge, denn im Gras liegt ein Blatt. Ein Blatt, juchu! Man mag es kaum glauben. In jedem Fall biegt dieser Kipplaster ein, ein freundlicher Mann schaut aus dem Seitenfenster auf die Frau in den alten Shorts und die beiden Kinder mit den Schäufelchen. Just dump it here?, fragt er. Yeah, sure! sage ich. Dann fährt die Kippe hinten hoch, die Klappe geht auf. Und mit einem Rutsch fällt ein Haufen Erde in meine Einfahrt, ungefähr so hoch wie der Mount Everest. Öh, sagt Dark Vader und fasst ihre Schaufel fester. Elly sagt nichts, wird aber blass. Bye, ruft der Mann und fährt mit seinem Kipplaster in den Sonnenaufgang. Mama, sagt Dark Vader, Mama, wann kommt denn das bißchen Erde? Und was ist das jetzt genau? Mir ist ein ganz kleines bißchen schlecht. Das ist unsere Erde, sage ich. Drei Kubikmeter, um genau zu sein.

 

Drei Kubikmeter Erde entsprechen dreitausend Litern Erde. Und als ich mir die Arbeitshandschuhe anziehe, wackeln meine Knie minimal. Ich wühle mit dem Spaten im Erdberg, als der Ire auf der Veranda auftaucht. Wow, sagt er, und wie lange willst du dich damit beschäftigen? Monate? Übermorgen soll es regnen, sage ich, dann muss das weg sein. Good luck, sagt der Ire, geht ins Haus und ich höre, wie die Kaffeemaschine anspringt. Mir ist zum Weinen. Da sehe ich, wie Dark Vader und Elly mit einem Seil um die Hausecke kommen. Elly hat sich Buntstifte durch die Sandalensohle gebohrt. Ja? frage ich. Wir wollen Bergsteiger spielen, verkünden die Kinder herzlos. Haut ab, sage ich, jetzt wird gearbeitet und ihr helft. Ich schippe Erde in den Schubkarren, hebe die Greifstangen an. Der Schubkarren kippt. Wahrscheinlich, weil ich die Erde mehr auf der einen Seite .. ach, lassen wir das. Klappts nicht, Mama, sagt Dark Vader, macht doch nichts, Mama. Mama, du sagst doch immer, dass es nichts macht, wenn was nicht klappt, Mama. Da reicht es mir. Wenn du noch einmal Mama sagst, begrabe ich mich in diesem Scheißhaufen, kündige ich an. Aber Mama, sagt Elly, das wolltest du doch erst machen, wenn Donald Trump wiedergewählt wird. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, erwidere ich würdevoll. Aber jetzt entschuldigt mich, ich muss arbeiten. Ich richte mich und die Schubkarre auf, belade neu und tariere aus, dann schiebe ich los. Der Weg in den Garten hat sich noch nie länger angefühlt. Aber im Rücken spüre ich Dark Vaders Blick. Soll ich den Papa holen, fragt sie vorsichtig. Nie im Leben, sage ich, das mache ich hier mit links. Merkt euch meine Worte: mit links! Mit links versuche ich, die beladene Schubkarre die Treppe zum Garten hochzuwuchten. Dabei kippt die Schubkarre erneut. Und wer sich jetzt vor lauter Fremdscham beim Lesen windet, der erfasst nicht ansatzweise, wie beschissen ich mich gefühlt habe. Nach zehn Minuten erreiche ich mein aufgebautes Hochbeet, dafür muss ich allerdings die Schubkarre duch ein neuangelegtes Blumenbeet schieben, weil alle anderen Pfade Treppen, Wurzeln oder Steigungen beinhalten. Kollateralschaden, denke ich. So, Kinder, verkünde ich und kippe die Erde aus. Ihr schaufelt die jetzt hier rein und dabei zeige ich auf die Hochbeete. Elly fuchtelt verzagt mit seinem Plastikschäufelchen. Dürfen wir dann irgendwann Mittagessen, fragt er leise, und vielleicht was trinken? Er tut mir leid. Aber ich mir auch. Lass uns ein bißchen zusammen arbeiten und dann machen wir Pause, Schatz, ja? Kurz sind wir alle entmutigt, ratlos. Aber dann geht ein Ruck durch Dark Vader. Und ich sehe die Generationen von Piratenkapitänen, von Amazonenköniginnen, von Erobern und Entdeckerinnen in ihrem Blut kochen. Sie schwingt die Schaufel. Los gehts, Elly, Attacke! Und dann schaufeln die beiden Kinder. Und ich, ich schiebe Erde.

 

Eine durchschnittliche Schubkarre fasst 75 Liter bei maximaler Auslastung. Ich schiebe bis meine Knie zittern. Und als die Mittagssonne über unserem Garten steht, ist aus dem Mount Everest noch immer kein Feldberg geworden. Elly hat Blasen an den Händen und Dark Vader Ringe unter den Augen. Das Baby hat sich in eine vom Baum gefallene Avocado verbissen und grunzt. Macht Pause, sage ich. Wir lassen dich nicht im Stich, Mama, sagt Dark Vader. Es ist ok, Schatz, ihr habt so hart gearbeitet. Drei Kinder sitzen ganz still unterm Mangobaum und sehen müde aus. Das Baby schubbert seine Zahnstummel an der Avocadoschale, die anderen Beiden essen Kekse, weil ich keine Zeit zum Essen machen habe. Da kommt Beanie um die Hausecke, der morgens mit einem Freund am Strand war. Was ist das in der Einfahrt, fragt er. Mamas Erde, sagt Dark Vader, die will nicht weniger werden. Beanie schaut mich an, dann seine Geschwister. Gib mal die Schaufel, sagt er zu Elly. Und dann zieht Beanie in die Erd-Schlacht. Ich bin wirklich müde, denke aber über die Frauen nach, deren Geburten ich bewachen darf. An diesen Moment, an dem Schmerz so groß ist, dass man nicht mehr weiterkann. Und das Wachstum genau dann stattfindet. Und das man sich das im Leben nicht oft genug klarmachen kann. Ich schiebe weiter. Irgendwann ist das Baby die Avocado leid und mümmelt mürrisch. Also schnalle ich sie mir in der Trage um. Schubkarre nach Schubkarre.

 

Ein Kubikmeter Erde wiegt ca. tausend Kilogramm. Das ist das Baby mal 114. Natürlich habe ich die Erde nicht am Montag verräumen können. Dafür klingelt am Dienstag mein Wecker um 5:30 Uhr und als ich aufstehe, fühlt sich mein Körper so an, als würden die Einzelteile nicht zusammengehören. Aber dann gehe ich raus und merke, dass heute das Licht anders ist. Mein Mount Everest ist über Nacht kleiner geworden. Und nein, das liegt nicht daran, dass es geregnet hat und mir die Matschepampe jetzt den Ablauf verstopft. Ich ziehe meine Arbeitshandschuhe an. Als ich die volle Schubkarre vor mir herrolle, kann ich sie fühlen. Und das, liebe Ruth Bader Ginsburg, ist es, was ich Ihnen schreiben wollte und bitte entschuldigen Sie, dass ich so lange gebraucht habe, um zum Punkt zu kommen. In meinem Rücken fühle ich meinen Opa, meine Oma, die Superoma und der Heldenopa, ich fühle Sie, liebe Frau Bader Ginsburg, und die Generationen von Frauen, die gegen die Grenze antreten, an der Hindernis von Wachstum getrennt wird. So kann man es auch machen, mein Schatz, würde mein Opa sagen und meint damit, dass ich mich total dämlich anstelle - aber dass das noch immer besser ist, als sich gar nicht ranzutrauen. Ich höre meine Oma lachen und ich kann fühlen, wie weich ihre Haut ist und wie stark ihre Hände sind. Komm schon, Kind, rufen die Superoma und der Heldenopa, du kannst das. Ich denke daran, dass man auch als Erwachsener studieren kann. Kontinente wechseln kann. Häuser renovieren kann. Dass man genau das kann, was man auch will. Und wer mir jetzt widerspricht, den fordere ich hiermit zum Schubkarren-Wettrennen auf. Ich denke an meine zwei Söhne und fünf Töchter, daran, dass ich ein Held für meine Kinder sein will. Nicht unbesiegbar, nicht allwissend und alleskönnend. Aber mutig und kühn und wild entschlossen. Und dann schiebe ich weiter.