Während das Jahr zuende geht, beginnt für mich die Vorbereitung für die Rückkehr ins Praktikum. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel und so. Man mag sich erinnern, dass ich in meinem ersten Studienjahr als Hebammenschülerin an einer Privatklinik platziert war. Was spannend und legitim ist, aber auf Dauer würde ich mir nicht gerne die Handschuhe anziehen, um dann unmittelbar zur Geburt von überwiegend männlichen Frauenärzten zur Seite gedrängt zu werden. Wie auch immer - nach monatelangem Ringen mit meiner Uni steht fest: nichts anderes geht, wenn ich nicht stundenlange Fahrerei auf mich nehmen möchte. Was ich nicht kann und niemandem daheim zumuten möchten. Also: nichts geht. Das ist für mich wirklich mies. Mit der mir zu eigenen Gelassenheit erkläre ich abends beim Essen, dass ich es dann hinschmeisse, nie mehr hingehe, die sich ihre Gummihandschuhe sonstwo hinstecken können, werde ich eben Möhrenbauer in Kuala Lumpur oder Bootbauer in Neeuseeland. Wo ist denn Kuala Lumpur, Mama, fragt Elly. Kann ich eine Möhre, Mama, fragt Mimimi. Bleibst Du dann immer daheim, Mama, fragt Dark Vader mit hoffnungsvollem Unterton. Hol dir einen Atlas, Ja und Nein, sage ich und wische mir die Zorntränen aus den Augen. Wer verstehen will, wie ich mich fühle, muss fast schon meinen monatelangen Kampf gegen die Uni, Institutionen und das Schicksal miterlebt haben. Sagst du nicht immer, Mama, dass man sich Aussuchen nicht auch aussuchen kann, wirft Beanie ein. Nö, sage ich, so was Bescheuertes würde ich nie sagen. So ein Quatsch! Und trotzdem sitze ich abends auf meinem Bett und schaue in die Dunkelheit.

Was machst du da, Mama, fragt Dark Vader, denn natürlich schaue ich nicht einfach so in die Dunkelheit, sondern steuere nebenbei auf meinem Telefon eine Rakete durch einen Meteoritenhagel. Ich fliege meine Rakete, sage ich stolz. Ich bin ein ganz schön guter Raketenkapitän. Ja, sagt Dark Vader, aber wie machst Du das? Mit Deinen Gedanken, Mama, kannst Du mit Gedanken ein Raumschiff steuern? Kurz bin ich versucht, meinen Ruf als Albus Dumbledore zu zementieren, lasse es aber dann doch. Mit dem Beckenboden, erkläre ich stolz. Da braucht man nämlich auch Muckis und mit meinen steuere ich gerade diese Rakete. Guck - Peng - feindliches Raumschiff abgeschossen. Was du alles kannst, Mama, findet mein Kind. Wenn man Raketen fliegen lassen kann, braucht man sich doch nicht andauernd aufzuregen, oder? Da hat sie eigentlich recht, denn ich bin ja wirklich ein geradezu grandioser Raketenkapitän. Also denke ich lange nach und Beanies Worte fallen mir wieder ein.
 
Erkenntnishilfe kommt von unverhoffter Stelle. In meiner Küche steht nämlich der Velociraptor vor dem Schrank mit den Süßigkeiten und lächelt mich freundlich an. Bonbon, zirpt Mimimi. Liebe Mama, darf ich bitte ein Bonbon haben und zwar, obwohl ich einen Löffel deiner wunderbaren Overnight Oats gegen das Fenster geklatscht habe, weil ich schon die Schokostücke rausgefischt hatte und dann behaupten wollte, es seien keine dringewesen - so heißt das, Mimimi, informiere ich mein Kind. Bonbon?, der Velociraptor lässt sich nicht beirren und lächelt mich siegesgewiss an. Ich krame in meinem Schrank nach der Tüte mit den Kaubonbons. Schau, Schatz, nur noch gelbe Kaubonbons drin, erkläre ich meiner Tochter. Aussuchen, erklärt Mimimi bestimmt. Ja, Schatz, sind doch aber aber nur noch Gelbe drin. Aussuchen, der Velociraptor Blick lasert los und in mir entsteht der Eindruck, dass ich, wenn ich jetzt zwischen ihn und die Beute trete, einen Arm verlieren werde. Bestenfalls. Mimimi, in der Tüte sind nur noch gelbe Kaubonbons, ich geb dir jetzt eins, ok? Aussuchen, röhrt Mimimi unbeirrt und man fragt sich wirklich, wo dieses Lungenvolumen überhaupt Platz hat. Dann such halt aus, sage ich, es sind aber nur ... Da fährt Mimimi mit der Speckhand in die Tüte, wühlt endlos geräuschvoll rum (was bei den armseligen drei gelben Kaubonbons eine bemerkenswerte Leistung ist), zieht eins raus und hält es triumphierend in die Luft. Es ist: gelb. Ausgesucht! jubelt das Mädchen und watschelt auf ihren kleinen Beinen aus der Küche.

Die Erkenntnis ist so nah, ich kann sie fast greifen. Wie ist das nochmal mit dem Aussuchen und doch nicht Aussuchen, frage ich mich, als Elly um die Ecke kommt. Ich hab nicht alles gegessen, murmelt er niedergeschlagen und präsentiert seine halbvolle Lunchbox. Wieso denn nicht, sage ich, ist doch schade. Die Kinder machen sich immer über mein Essen lustig und dann habe ich keine Lust mehr, sagt er. Ich schaue in die Lunchbox: Spinatmuffin, Paprika, drei Lebkuchen in Gitarrenform. Verstehe ich nicht, entgegne ich. Kann ich nicht einfach Sandwiches mitnehmen, so wie alle, fragt mein Kind. Mit "so wie alle" hast du bei der Mama keine Chance, ruft Beanie altersweise vom Küchentisch, und ich hoffe, Elly, du hast in der nächsten Stunde nichts Besseres vor, weil du jetzt ganz viel und ganz lange zuhören musst. Hahaha, sage ich, ich möchte nur erwähnen, lieber Beanie, dass du lange nicht wusstest, in welcher Reihenfolge du dein Essen essen sollst - weil du das Gefühl hattest, die letzten Stücke würden sich benachteiligt fühlen und seien dann traurig. Die Gurke weint dann, hast du immer gesagt. Keine Ahnung, wovon du redest, sagt mein Sohn und schreibt an irgendwas weiter. Schatz, sage ich zu Elly, ist doch egal, was die Anderen sagen. Ist doch egal, ob die Sandwiches haben oder getrocknete Kuhfladen. Das hier ist dein Essen und ich möchte, dass du es isst. Es wäre doch schön, findet Elly, wenn man sich aussuchen könnte, wie andere Leute reagieren. Und da ist die Erkenntnis! Nee, Schatz, kann man aber nicht - man kann sich aber aussuchen, wie man selber reagiert. Wie soll er denn reagieren, mischt sich Dark Vader ein. Ich überlege. Ich würde, sage ich entschieden, die Kinder ganz freundlich anschauen und auf Deutsch sagen: Hau ab, du Kackwurst, sonst pinkele ich dir in deine Lunchbox. Dann lächelst du, winkst und sagst: Bye!

Sag mal, spricht mich der Ire abends an, hast du zufällig unserem Kind geraten, es soll anderen Kindern sagen, dass er ihnen in die Lunchbox pinkelt? Keine Ahnung, wovon du redest, sage ich würdevoll. Schau mal, wie schön meine Rakete hier fliegt!

Am nächsten Tag schreibe ich meiner Uni und sage, dass ich zum Praktikum im nächsten Jahr antrete. In der Privatklinik. Dass ich es mir anders gewünscht hätte. Und dass ich mich nochmal mit Vorschlägen melden möchte, was ich dann gerne strukturell verändern will. Ich füge meinen Notendurchschnitt bei und die Rückmeldungen aus meinem ersten Praxisjahr. Und unten drunter schreibe ich: Bye!

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