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Fankurve

Und dann reist der Ire ab. Vorangehendgehend lagen Tage und Wochen voller Gerenne, Stress, Arbeit, Hände flattern genauso wie Nerven, die Kinder sind weinerlich. Hier ist es nicht mehr schön, Mama! Wieso machen wir keine Ausflüge mehr, Mama? Unser Puzzle, Mama! Kannst Du mal? Hast Du schon? Wir sind überall zu spät und vergessen regelmäßig Nachmittagsaktivitäten, Verabredungen, Versprochenes, Zugesagtes. Der Ire verfällt vor unseren Augen, wird immer dünner und faltiger, kann nicht mehr schlafen und trotzdem müssen wir immer weiter. Mehr packen, mehr arbeiten, mehr schaffen. Stress ist wie durch Sirup laufen, nur, dass wir dabei noch vier Kinder hinter uns herzerren. Klingt nicht witzig, ist es auch nicht.

Und dann kommt der Donnerstag, an dem wir zum Flughafen fahren. Der Ire, sein bester Freund, das Baby und ich. Auf der Hinfahrt im Zug fühlt es sich noch an wie Klassenfahrt, wir machen Witze, genießen, dass es gerade mal nichts zu tun gibt. Wir gehen Kaffee trinken und tun so, als sei alles so wie immer. Dann wird der Ire unruhig, schaut auf die Uhr. Er müsse jetzt los, sagt er. Wir stehen auf, fahren die Rolltreppe hoch und dann ist da die Schleuse für die Departures. Der Ire umarmt seinen Freund, dann sein Kind, dann mich. Und dann ist er weg. Wir stehen fassungslos da und sehen ihn immer kleiner werden. Ich blinzele nicht mehr, damit ich keinen dieser kostbaren Momente verpassen, dann reiht er sich in die Schlange vor der Security ein. Und ist weg. Ich unterdrücke das Gefühl von Panik, will instinktiv nachrufen, nachrennen, durch die Schleuse brechen. Geh doch nicht. Ich kann das nicht. Ich kann das nicht schaffen.
Aber es ist, wie es ist. Und ich umfasse den Griff des Kinderwagens fest, sehe meine Knöchel weiß werden. Jetzt ist es an mir: vier Kinder, ein 40 Fuß Überseecontainer, fünf Wochen, 22 Stunden Flugzeit.

In den Tagen danach stehen wir unter Schock. Meine To Do Liste ist nicht kleiner geworden und nachts spanne ich meine Kiefer so an, dass ich Muskelkater bekomme. Die Dunkelheit drückt mir die Luft ab. Die Kinder fügen sich ein, so gut sie es können und wollen und verzeihen mir, dass ich ungeduldig und unrund bin.

Dann kommt das Wochenende und mit ihm der Start der Fußballturnier-Saison. Für alle Nicht-Fußball-Eltern: Hallenturniere sind anders als die draußen. Die Kinder sind stundenlang in einer Turnhalle unterwegs, die Stimmung heizt sich auf, es spielen immer zwei Teams gegeneinander und viele Menschen schauen zu. Beanie hat Angst vor Hallenturnieren, geht aber trotzdem jedesmal. Diesmal allerdings zum ersten Mal in seinem Leben ohne den Iren. Am Morgen hat das Kind Durchfall. Du kannst das, sage ich. Gehst du mit, Mama? Nein, Schatz, ich muss hier was tun und will nicht alle Kinder mitschleppen. Ich habe Dir eine Mitfahrgelegenheit organisiert, du bist doch ohnehin bei deiner Mannschaft. Da weint das Kind. Ach doch, Mama, bitte. Bitte, Mama, bitte. Ich renne zum Einkaufen, lasse den Einkaufszettel daheim liegen, kaufe das Falsche, jage die Kinder aus dem Auto, werfe die Einkäufe in die Küche, packe alle wieder ein und schleudere fünf Minuten vor Treffpunktzeit vor der Turnhalle ein. Papa kommt immer zu spät, sagt Beanie. Irgendwas muss ich ja aber auch zum Gelingen des Tages beitragen, denke ich mir. Das Kind zieht sich um, der Rest von uns versucht, sich einen Überblick zu verschaffen. Die Stimmung erinnert mich an einen Kindergeburtstag um 16:30 Uhr, wenn die Party schon um 14 Uhr begonnen hat. Und wer jetzt nicht weiß, was ich meine, der hat echt Glück gehabt. Spieler, Freund, Geschwisterkinder rennen herum, stopfen Chips in sich rein, es wird geschubst, geschrien und zwischendurch gewinnt jemand, woraufhin die einen heulen und die anderen brüllen.

Party, anyone?
Ich habe mir das Baby umgebunden, die seelenruhig einen Riesenkeks zerlegt und verliere Dark Vader, Hasi und Elly aus den Augen. Das Mädchen und den Hasen sehe ich immer mal wieder aus der Ferne. Der kleine Junge bleibt verschwunden. Der Lärm ist mittlerweile ohrenbetäubend, Beanie absolviert die ersten Spiele und es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass es heute zu nichts reichen wird. Das Kind steht verloren auf dem Feld, ich feuere ihn an, so gut ich kann, aber er hört mich nicht. Die Knie sind so dünn, der Kopf ist so groß, der Blick geht irgendwo in die Unendlichkeit. Dann höre ich Weinen. Elly steht vor einem Abfalleimer, Tränen laufen ihm die Backen runter und seine wilden Haare sind ein einziger Busch. Er zeigt auf den Mülleimer. Vor ihm stehen drei größere Jungs und grinsen so dreckig, dass mein Adrenalinspiegel direkt durch meine Schädeldecke explodiert. Elly? sage ich und nähere mich. Pppppppppeeppppaaa Piiiiiiiiig, schluchzt mein Sohn. Elly hatte sich sein sehr dreckiges Stoffschwein mitgenommen. Pfff, sagt einer der Jungs, weiß nicht, was das Mädchen hat. Ich bin ein Elliott, erklärt mein Sohn unter Tränen. Ein schöner Elliott. Die Jungs lachen und mir reicht es. Wo ist Peppa Pig, will ich wissen. Sie wüssten nicht, wo das Vieh sei, erklären mir die Jungs. Elly brüllt, Tränen spritzen und das Kind zeigt auf den Mülleimer. Habt ihr Peppa Pig zufällig in den Mülleimer geschmissen, frage ich? Ist doch eh Müll, erklärt ein Kind, das vielleicht gerade mal zehn Jahre alt ist. Ich atme. Ich atme am Iren vorbei, der weggegangen ist und daran, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das alles schaffen soll. Hier sind Gelassenheit und Diplomatie gefragt, denke ich, bevor ich mich sagen höre: Hör mir mal gut zu, du Arschgeige. Du holst jetzt sofort Peppa Pig aus dem Mülleimer. Und zwar zackzack. Meine Hände zittern wie Espenlaub. Eine Minute später hat Elly Peppa Pig wieder und ich besteche ihn mit einem Lutscher, dass er niemals irgendwem diese Geschichte erzählen darf. Vor allem Oma und Opa nicht, die viel Geld in mein geisteswissenschaftliches Studium investiert haben und wahrscheinlich an ihrem eigenen Erziehungsstil zweifeln würden, wenn sie wüssten, dass ich Samstagnachmittags zehnjährige Jungs beschimpfe. Es ist ein echter Kacktag. Eine Kackwoche, wenn man ehrlich ist.

Beanie muss zu seinem letzten Spiel. Ich gehe zu Spielfeldrand, den zitternden Elly habe ich an Dark Vader übergeben. Peppa Pig hat er sich sicherheitshalber unter den Pulli gesteckt und ignoriert geflissentlich, dass das Schwein in einer Senf-Ketchup-Würstchenpelle-Marinade gelegen hat.
Was sich auf dem Spielfeld abspielt ist einer echter Grottenkick. Schlimmer. Beanie spielt wie ferngesteuert, bliebt zwischendurch stehen, er ist weiß im Gesicht und man sieht im an, dass er gerne weglaufen würde. Die zuschauenden Eltern unterhalten sich leise, denn das Gewürge auf dem Platz kann man auch mit einem Auge verfolgen. Ich will meinen Sohn vom Platz pflücken und sagen, dass das doch total egal ist. Morgen ist ein neuer Tag. Dass es viel gerade ist. Dass es nichts macht, wenn man mal nicht sein Bestes gibt. Dass das Beste ohnehin überbewertet ist und ich gerade einen zehnjährigen Jungen als Arschgeige beschimpft habe und mich ständig frage, wann ich denn Bekanntschaft mit dessen Eltern machen werde. Ich suche den Blick meines Sohnes, mag mich ohnehin mit niemandem unterhalten. Doch Beanie schaut weg.

Beanie, schallt es auf einmal laut. Beanie! Bea-nie! Bea-nie! Bea-nie! Auf der Besucherbalustrade steht ganz außen ein kleines Mädchen und ein Hase. Sie springen und jubeln und klatschen. Haare und Ohren fliegen. Beanie! Bea-nie! Bea-nie! Bea-nie! Der Junge mit den knöchrigen Knien schaut zu seinem ganz eigenen Fanclub und lacht zum ersten Mal am Tag. Neben dem Mädchen ragt ein Busch Haare über die Balustrade, dann wird ein verschmiertes, verdrecktes Kuscheltier in die Luft geschleudert. Go, Beanie, go - rufen zwei Kinderstimmen.
Im Moment großer Not kommen genau die, die man dann auch braucht. Ich kämpfe mit den Tränen. Ohne Unsicherheiten kein Abenteuer - und ohne dieses kleine zitternde, zagende, krampfende Herz keine Liebe.