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Congratulations

von Edda

Congratulations steht dick und fett in der Mail. Und Grund für Gratulationen gibt es in diesen Tagen jede Menge.

Congratulations, denkt sich die Terrier-große Spinne, die heute morgen in der Wohnzimmerecke gesessen und mir mit dem achten Bein freundlich zugewinkt hat. Congratulations to your first real Oz-experience! Ich bin bekanntlich schon bei deutschen Weberknechten in gröberem Ausmaß aus der Seelenruhe geworfen, jetzt befinde ich mich in absoluter Schockstarre. Ich werfe die Sirene an. Der Ire kommt nach mehreren Minuten und gemeinsam betrachten wir den Mitbewohner - er interessiert, ich durch die Finger meiner Hand. Diagnose: muss weg. Beim Einsaugen konstatiert der Ire beeindruckt, dass sich das anfühle "als sauge man eine Maus ein". Mir wird schlecht. Beim Ausleeren des Staubsaugerkübels kommt es noch übler. Die lebt noch, sagt Dark Vader und beginnt zu weinen. Gelebt hat die arme Spinne nicht mehr lange und ihre verzweifelten Klick-Geräusche verfolgen mich bis jetzt (Klick-Geräusche!!!, no shit). Ich esse kein Fleisch mehr, sagt Beanie. Spinne essen wir ja eher selten, sage ich und disqualifiziere mich in den Augen meiner tierliebenden Familie damit endgültig. Machst du mich auch tot, wenn ich morgen früh im Wohnzimmer sitze?, fragt Elly. Fiese Mama! Ich bin hier die Tofu-Esserin, versuche ich mich zu verteidigen, habe aber keine Chance. Congratulations, denke ich - willkommen in der schönen neuen Welt.

Congratulations, denke ich auch, als ich mir Bilder der Schuluniform anschaue, in der meine Kinder ab nächster Woche im Bildungsbetrieb antreten sollen. Wie ätzend - immerhin dürfen Mädchen seit diesem (!) Jahr (!) auch (!) Hosen (!) tragen (!). Gibt's das auch in pink?, fragt Elly. Nee, sage ich. Und in schön gibt's das auch nicht. Dann gehe ich nicht, kündigt er an und tanzt hinfort. Du musst ja auch nicht, rufe ich ihm nach und stelle mir den langhaarigen Beanie mit seiner Vorliebe für Glitzershirts in dieser Klamotten-gewordenen Verschandelung vor. Als ich mir eine Argumentationskette zurechtgelegt habe, sehe ich das Regelwerk für Schuhe: schwarze Schuhe für Jungs (keine Sneaker) und schwarze geschlossene Schuhe für Mädchen. Die Abbildungen erinnern mich an das Schuhwerk der Addams Family in der Originalverfilmung. Congratulations, sage ich zu mir selber. Das hört sich immer so super an, wenn man in ein anderes Land zieht - und dann gehen deine Kinder eines Tages in Klamotten aus dem Haus, die Boris Becker anlässlich seines ersten Wimbledon-Siegs bei der Abendgala angezogen hätte. Und tragen Schuhe, mit denen man sie im nächsten Hafenbecken versenken könnte. Ich schlucke. Nur weil hier nebem dem Pflaster direkt der Sandstrand liegt, wird das Leben nicht gleich zum Strandtag. Könnte ich mir doch eigentlich mal auf ein Küchenhandtuch sticken lassen.

Congratulations, singen die wilden Papageien morgens um 6 Uhr aus den Bäumen. Den ersten Monat in Australien haben wir überlebt. In diesem Monat haben wir erstaunliche Erkenntnisse erlangt, von denen ich willkürlich zehn ausgesucht habe:

1. Australische Bananen schmecken besser und sehen anders aus.
2. Man kann immer mit "no worries" antworten und zwar auch dann, wenn einem gerade ein Hai ein Bein abgerissen hat (oder so).
3. Barfuß und in Schwimmshorts kann man weit kommen, eigentlich überall hin.
4. Sydney hat viele Berge.
5. Die kleineren Kakerlaken heißen "german roaches".
6. Die Mini-Venusfliegenfalle auf unserem Balkon schnappt schneller zu, wenn das jeweilige Blatt von der Sonne beschienen wird.
7. Es ist ein Gerücht, dass man sich nach zwei Wochen von Rechts- auf Linksverkehr umgestellt hat. Ein mieses Gerücht, um genau zu sein.
8. Man kann auch ohne Surfbretter drin VW Bus fahren, verliert aber dann stark an credibility.
9. Morgens um 6 Uhr surft die 60+ Bevölkerung. Und - wenn ich das mal sagen darf - mehr Grazie war nie.
10. Avocado heißen hier "Avos" und ihr Verzehr ist Nationalsport.

Congratulations, begrüßt uns das Plakat in der Schule: Willkommen im neuen Schuljahr. Kinder begrüßen sich, es wird gerannt und geschrien. Am Rand des Pulks stehen ein Junge mit Storchenbeinen und Haarknoten. Und ein kleines Mädchen mit Feengesicht und entschlossener Miene. Tschüss, sage ich zu meinen Kindern. Tschüss, wir lieben euch - das wird schon. Am verächtlichen Ausdruck in den Gesichtern meiner Kinder gemessen, kann ich mir solche Plattitüden dahin stecken, wo die Sonne nie scheint (was hier ein zugegebenermaßen schwer auszumachender Ort ist). Die Kinder sehen in ihren Uniformen alle gleich aus (klar, Doofie, sage ich mir) - wie sie denn hier ihre zukünftigen Freunde erkennen soll, fragt Dark Vader. Ich zucke mit den Schultern. Mit der Zeit erkennt man die, sage ich. Aber ich weiß es eigentlich auch nicht. Habt ihr Angst, frage ich. Ja, sagt Beanie. Ja, sagt Dark Vader und ihr Bruder schaut erstaunt. Nee, verbessert sie sich, wieso auch! Dann geht es schnell: Es klingelt, alle Kinder rennen in ihre diversen Schulgebäude. Meine Kinder werden von wohlmeinenden Lehrern in Empfang genommen und abgeführt. So sieht es für mich jedenfalls aus. Scheiß-Schule, denke ich mir. Scheiß-Schule, Scheiß-Australien, Scheiß-Tag. Wehe, ihr seid nicht gut zu meinen Kindern, dann ist hier Buschbrand. Am Kloß im Hals atme ich vorbei.

Congratulations, sage ich zu Elly, als wir den Spielplatz am Ort gefunden haben. Schau mal, Spielplatz! Elly grunzt. Man fragt sich ernsthaft, wann aus Erwachsenen Idioten werden, die denken, dass mit Eis und Spielzeug die gröberen Wunden des Kinderlebens schon versorgt werden können. Elly vermisst seine Geschwister, die jetzt ihrem zugehörigen Platz im Alltag zugewiesen wurden. Seinen Platz hat er noch nicht. Er isst eine australische Superbanane und rutscht lustlos ein bißchen. Das Baby fräst sich begeistert durch die Wiese, fällt auf den Windelpopo, steht auf, watschelt drauflos, fällt wieder hin, steht auf, fuchtelt, brabbelt und stampft weiter. Wann hört das denn auf, dass man einfach wieder aufsteht? Ich will heim, sagt Elly. Aber wir sind doch gerade eben erst gekommen, Schatz! Heim, beharrt das Kind. Was sollen wir denn daheim machen?, frage ich ihn. Nicht dahin, erklärt er mir, ins Da-wo-ich-alles-kenne-daheim. Ich denke an mein Treffen mit deutschen Mamas aus der Gegend, die mir glücklich erzählt haben, dass es im Ort nebenan einen deutschen Delikatessenladen gäbe. Man könne da sogar Pfanni Knödelmasse kaufen! So ist das also in der Fremde: Man sitzt heulend auf dem Spielplatz und träumt von Knödeln, die man noch nie leiden konnte. Ich stelle mir einen Aufruf an meine Freunde vor: Heimwehgeplagte Edda braucht care-Pakete. Schickt die Rosinenbomber los!

Abends schreibe ich Yann: Du fehlst mir. Du fehlst uns. Es ist einsam, so weit weg von allem zu sein und es macht es nicht einfach, dass wir mehrere Einsame sind. Du wirst es schaffen, sagt Yann, wenn ihr ein Haus gefunden habt, in dessen Garten wir ein Baumhaus bauen können, komme ich vorbei. Könntest du kommen und uns abholen, schreibe ich nicht - denke es aber. Hier ist es schön aber fremd und ich brauche eine Pause vom Fremden.

Wolle, meine beste Freundin, schreibt, dass sie still ist und viel zu tun hat. Hab nicht viel zu tun, sondern sitz gefälligst still daheim und vermiss mich, schreibe ich nicht - denke es aber.

So ist das immer am Anfang, sagt meine Mama, die bekanntlich ihren Geburtsort nie dauerhaft verlassen hat, weil es woanders zu anders ist. Genau, jetzt geht es mir schon viel besser .. wie gut, dass aller Anfang schwer ist und vielleicht ist auch gleichzeitig noch nicht aller Tage Abend, sage ich nicht - denke es aber.

Congratulations, stand dick und fett in der Mail. Und wir fangen ja jetzt erst an!