Fassungslos betrachte ich die traurigen Reste meiner gestern noch prachtvoll schönen Petersilie. Glatte Petersilie (Petroselinum crispum), wohlgemerkt. Die Stengel ragen wie abgenagt aus meinem Kräuterbeet und in mir steigt gerechter Zorn auf. Dark Vader und Elly, brülle ich über den Rasen, habt ihr wieder was gespielt? Friseur vielleicht? Und wisst ihr ganz zufällig, was mit meiner Petersilie passiert ist? Wenn Eltern fragen, ob man "ganz zufällig" wisse, was mit XYZ passiert sei, sitzt man ja eigentlich schon knietief in der Scheiße. Ihr ... ich hole tief Luft, muss mich aber unterbrechen, denn am anderen Ende meines Kräuterbeets grabscht das Baby gerade entschlossen nach der Zitronenmelisse (Melissa officinalis) und stopft sie sich speckfäustig in den kleinen Mund. Wir reden noch über mein vernichtetes Grün, ihr Stinker, kündige ich meinen Kindern an und gehe erstmal, um das Baby aus den Küchenkräutern zu befreien - oder umgekehrt.

Kräuter in Australien sind so eine Sache: Für das meiste europäische Kraut ist es hier zu heiß, zu wenig Regen, überdimensional riesige, aggressive Regenwürmer, Erde, die entweder sandig oder total tonhaltig ist. Als Kraut in Australien muss man entweder stachelig sein oder hart im Nehmen. Meine schöne glatte Petersilie ist nichts von Beidem. Ich seufze und nehme mir für den nächsten Tag vor, die beiden Nachwuchsgärtner genauer im Auge zu behalten. Am nächsten Morgen ist jedoch mein violetter Basilikum (Ocimum basilicum) verschwunden. Also: nicht verschwunden, denn die Stängel sind noch da. Die Blätter sind weg. Alle. Unglücklicherweise kann ich diesmal nicht die Kinder bezichtigen, denn es ist Dark Vader und Elly zwar total zuzutrauen, dass man sie im Dunkeln mit Taschenlampe im Garten antrifft ... aber nicht, dass das in völliger Stille abläuft. Ich bin so sauer, dass ich das arme Baby anblaffe, das gerade versonnen in einer Spuck-Lache vor sich hin badet. Abends sitze ich mit einem Stock und einer Taschenlampe bewaffnet vor meinem Kräuterbeet. Mama, sagt Beanie, wann kommst du denn rein? Gar nicht, sage ich, ich muss bewachen. Es regnet aber, beharrt mein Sohn. Ist mir noch gar nicht aufgefallen, erkläre ich, und wische dem Baby verstohlen das Wasser aus dem Ohr, denn wo die Milch sitzt, muss der Milchling auch hin. Dark Vader hingegen ist total begeistert. Schau mal, Mama, ich hab dir Papas Bohr-Sicherheitsbrille mitgebracht. Die brauchst Du doch bestimmt. Und Elly und ich machen dir jetzt noch ein schönes Lagerfeuer. Lasst euch hier gar nicht häuslich nieder, empfehle ich, wenn ich den erwische, der meine Kräuter niedermetzelt, dann knallt es. Elly und Dark Vader können ihr Glück fast nicht fassen, dass es ausnahmsweise mal für jemand anderen knallen soll, so dass sie sich vor lauter Hilfbereitschaft fast überschlagen. Schau mal, Mama, wir haben für dich einen Zauberstab gefunden! Wo ist der Stift für mein iPad, hört man im Haus den Iren brüllen, und wo zur Hölle sind diese ganzen Kinder? Gehen wir rein, knicke ich ein, aber morgen muss ich mir was überlegen.

Am nächsten Morgen winkt mir schon von Weitem das traurige Gerippe meines Estragons (Artemisia dracunculus) zu und ich bin den Tränen nah. Ich kannte den Busch schon, als er noch ein kleines Samenkorn war, schniefe ich, welcher Arsch macht denn sowas? Arme Mama, sagt Elly und Dark Vader fügt hinzu, dass man ja unmöglich in die Schule gehen könne - bei soviel Unglück daheim. Nice try, erkläre ich, Abmarsch. Nachmittags beobachtet mich meine Nachbarin, wie ich traurig die mickrigen Überreste meiner Kräuter entsorge. Possum, erklärt sie mir abgeklärt, kann man nichts machen. Wie, Possum? frage ich und schaue wahrscheinlich so ähnlich wie damals, als die erste riesige Kakerlake direkt durch meine Küche gerannt ist. Possums, erfahre ich, fressen einem gerne die zarten Blätter von Nutzpflanzen ab. Und Erdbeeren - aber wer würde hier schon selber Erdbeeren anpflanzen, oder? Öhööhöhö, sage ich und stelle mich unauffällig vor meine Erdbeerpflanzen. Da hilft nichts, sagt meine Nachbarin, nickt weise und geht ins Haus. Ach ja, denke ich, das wollen wir ja mal sehen. Brushtail possums (Trochosurus vulpecula) erfahre ich, werden bis zu einem 1m lang und können bis zu 4 kg wiegen. In Ermangelung von ungestörtem Lebensraum ziehen sich die Säugetiere mehr und mehr in Gärten zurück. Und nicht selten auch in Dachböden, wo es warm und trocken ist. Uäh, denke ich, Petersilie-vernichtende, Zecken-verseuchte Ratten unter meinem Dach, nicht auszudenken. Nachts träume ich schlecht und irgendwann landet mein Ellbogen in der Seite des Iren. Wir haben ein Possum unterm Dach, ich höre es ganz genau, da kratzt es. Wahrscheinlich hat es sich meine Apfelminze (Mentha suaveolens) hinters Ohr geklemmt und mampft jetzt fies kichernd in meinem Dachgebälk. Der Ire hört 1.5 Sekunden konzentriert. Das sei das Baby, erklärt er, dreht sich um und schläft wieder ein. Ach so, sage ich in die Stille, ja, klar. Das Baby schmatzt im Schlaf und fummelt mit seinen kleinen Fingernägeln an der Matratze entlang. 1:0 für Dich, Possum, denke ich. Aber morgen wird zurückgeschlagen.

Dass am nächsten Tag meine Mentha Suaveolens tatsächlich abgefressen ist, fällt mir gar nicht so sehr auf, denn ich bin schon früh unterwegs in den Gartenbaumarkt. Ich habe ein Possum im Garten, erkläre ich entrüstet der freundlichen Fachkraft, das würde ich gerne loswerden, wenn es geht ohne Blutvergießen. Ich bewundere mich selbst für meine pazifistische Grundhaltung und erwarte belobigendes Kopfnicken, aber der Garten-Fachmann fängt an zu lachen. Well, mate - wenn ich ein Mittel gegen Possums fände, könnte ich reich und berühmt werden. Bis dahin könne ich ja dahinten mal schauen. Aber Geld zurück gäbe es nicht. "Dahinten" ist das Regal mit den Schädlingsmitteln. In Australien muss man ja praktisch stündlich irgendwas abwehren und so findet man Mittel gegen Ameisen, Ratten, Kakerlaken, Spinnen, Mozzies (Moskitos, für alle nicht Ozzies) usw. - und gegen Possums. Und hier bewährt sich die australische Tradition der kreativen Namensgebung, denn das Wundermittel heißt: Poss Off. Leider wirkt es überhaupt nicht, denn am nächsten Morgen ist auch meine Schokominze (Mentha x piperita) verschwunden. 2:0. Ist doch gut, sagt der Ire, denn das Beet ist ja nun ohnehin fast leer. Dann brauchst du dir auch keine Sorgen mehr zu machen. Jetzt geht es ums Prinzip, erkläre ich, da kann ja jeder kommen und denken, er könne sich hier in meinem Garten breit machen. Mach es doch, empfiehlt der Ire, wie die Deutschen es immer machen und leg ein Handtuch aufs Kräuterbeet - am besten noch vor dem Frühstück, dann kommt bestimmt keiner. Der Ire lacht. Ich nicht. Wer behauptet hat, dass multikulturelle Partnerschaften den Horizont erweitern, der hatte noch nie ein Possum im Garten.

Ich schüttele die Faust in Richtung Garten: Du kleine Ratte willst Krieg, den kannst du haben. Ich stelle Rattenfallen im Garten auf und zerpflücke blutenden Herzens meinen Zitronenthymian (Thymus citriodorus), um die Fallen attraktiv zu befüllen. Und das mir, die kein Suppenhuhn verarbeiten kann, ohne sich hundertmal beim Universum zu entschuldigen. Aber jetzt will ich Blut sehen! Allerdings fange ich nichts - außer Hasi. Hasi steckt mit dem Ohr in deiner Falle, brüllt Dark Vader, er hat Schmerzen und du musst ihn retten. Was zur Hölle, brülle ich zurück. Was habt ihr an meinen Fallen zu suchen? Dann leg halt keine schönen Blümchen rein, brüllt Dark Vader zurück, die wollte Hasi pflücken. Don't kreisch for me, Argentina, singt Elly, der sich in diesen Tagen unglücklicherweise sehr für Musical-Hymnen interessiert. 3:0 für das Possum, denn mit den Fallen verschwinden auch die Blätter meiner kleinen Erbsenpflanzen (Pisum sativum). Das Tierchen hat dein Kräuterbeet vorher aber schön abgeerntet, verkündet Dark Vader fachmännisch und beweist mal wieder, dass sie in Harry Potter's Luna Lovegood zwar eine Seelenverwandte gefunden zu haben scheint ... tatsächlich aber mehr mit Hagrid gemein hat, als ihr bewusst ist.

Ok, sage ich, jetzt wird vergiftet. Dann könnt ihr eben mal für ein paar Wochen nicht in den Garten. Wird ja wohl mal gehen. Meinst du nicht, dass du ein bißchen übertreibst, fragt mich der Ire. Nie, sage ich, Übersprungshandlungen, Aktionismus und sonstiger Irrsinn liegen null in meinem Bauplan. Wenn das Gift allerdings nicht wirken sollte, planiere ich einfach alles und starte den gesamten Garten komplett von vorne. Als es dunkel wird, schaue ich in meinen heimgesuchten Garten. Ich kann dich sehen, du kleine Ratte, zieh dich warm an. Am nächsten Tag kommen Dark Vader und Elly kleinlaut aus der Schule zurück. Ich bin gerade dabei, Pflanzen im Garten mit Netzen abzuhängen. Und weil ich ja bekanntlich nicht empfänglich bin für Aktionismus und Übertreibungen aller Art, hänge ich willkürlich einfach alles ab, was grün ist. Das ist mein Fahrrad, sagt Elly. Grün ist grün, sage ich, sonst radelt das Vieh hier abends fröhlich noch eine Runde. Du, Mama, murmelt Dark Vader bekümmert, Mama, die Possums sind ganz schön arm. Bitte, sage ich, arm ist hier nur einer - und das bin ich. Elly weint. Sie hätten in der Schule über Possums gesprochen und er ... dann bricht seine Stimme. Ich lege mein Quadratkilometer großes Netz ab. Was, Schatz? Was ist mit dem Possum. Possums, erklärt Dark Vader und legt den Arm um ihren kleinen Bruder, suchen sich einen Baum fürs Leben und dann wohnen sie da. Für immer. Und wenn der Baum abgemördert wird, dann sterben auch die Possums, denn sie wissen nicht wohin und finden sich in der Welt nicht zurecht. In meinem Kräuterbeet hat es sich aber gut zurecht gefunden, mucke ich auf, aber meine Stimme klingt nicht so fest, wie ich es gerne hätte. Wahrscheinlich hat es kein Zuhause mehr, weint Dark Vader, und will jetzt bei uns wohnen. Weil wir so schön sind, ergänzt Elly. Außer dir, du bist fies - beide Kinder schauen mich vorwurfsvoll an. Ich wedel dich weg, sagt Elly, lass das arme Possum in Ruhe. Damit stürmen sie nach draußen und ich sehe noch, wie sie mein verbliebenes Borretsch (Borago officinalis) abrupfen und in kleinen Häufchen im Garten verteilen. Dark Vader legt noch ein paar Legosteine und selbst gemalte Bilder dazu. Auf einem steht: Posum Welkomm.

Die Sonne geht unter und ich betrachte meinen Garten, den ich so liebe. Irgendwie gehört ein Garten immer auch ein Stück weit sich selber und denen, die schon lange vor einem selbst da waren. Die Kookaburras gehen ins Bett und erzählen sich den letzten Witz des Tages, denn sie lachen noch einmal und verstummen dann. Und da sehe ich es, ganz am Ende des Gartens auf dem Zaun sitzen. Vielleicht winkt es mir, vielleicht mampft es auch irgendwas aus meinem Garten. Und ich - ich winke zurück.

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