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Geburt-Tage

von Edda

Es ist ein großer Spaß, wenn man als Erwachsener nochmal studiert. Da hat nämlich dann die gesamte Familie etwas davon. Am liebsten würde er sich nicht mehr in seinem Bürostuhl umdrehen, erklärt der Ire, der mit dem Rücken zu mir sitzend ein Büro teilt. Hm, murmele ich, denn wir lernen und arbeiten seit Ewigkeiten Rücken an Rücken und wenn der Ire nicht immer quatschen wollen würde, wäre ich schon Lichtjahre weiter. Jedesmal, wenn er sich umdrehe, wären Bilder schwerst beschädigter Vulvas auf meinem Computer zu sehen! beschwert er sich weiter. Dammriss 3. Grades, erkläre ich weise, knapp den Sphincter verpasst. Der Ire schaudert und gräbt sich pflichteifrig wieder in seinen Papierstapel ein, der erstaunlich hoch ist, wenn man bedenkt, dass der Ire ein gnadenloser Verfechter des papierlosen Büros ist. Da haben unsere Kinder allerdings schon unsere Stimmen gehört und genauso, wie Haie Blut wittern, wird hier die Chance wahrgenommen, mal im Büro vorbeizuschauen, ob die stille Stunde schon rum ist. Zeig mal Bilder von Babyköpfen, verlangt Elly. Am liebsten welche, wo auch Stinki mit rauskommt! Äh, der Ire macht Hustgeräusche, lieber nicht. Klar! sage ich begeistert und krame in meiner Sammlung nach einem besonders schönen Bild eines sich durch die Vulva schiebenden Babykopfes. Das ist so, als würdest du versuchen, einen Stinki in der Größe einer Apfelsine rauszudrücken, doziere ich. Elly ist interessiert. Er werde auch mal Hebamme, erklärt er. So sah das auch aus, als du zur Welt gekommen bist, Beanie kommt ins Zimmer, das mittlerweile dann doch schon etwas voller ist. Dark Vader und er hätten Cornflakes gegessen und dann hätte es Geschrei gegeben, dann Blut und dann Elly. Er schaut abgeklärt und sein kleiner Bruder ist außer sich voller Glück. Viel Blut? fragt er. Total viel, sagt Beanie, das ganze Zimmer war voll. Und Mama hat gebrüllt wie am Spieß! Quatsch, sage ich, ich war die Ruhe selbst. Der Ire macht Geräusche, als würde er in der Kehle Papier schreddern. Hast Du was? frage ich. Nee, sagt er, macht nur weiter. Sagt mir eben, wenn ich mich wieder umdrehen kann. Auftritt Dark Vader und Mimimi. Jetzt kann sich der Ire sowieso nicht mehr umdrehen, denn das Zimmer ist voll. Was macht ihr denn? wollen die beiden wissen. Wir reden über Geburten und darüber, dass es wichtig ist, wie man zur Welt kommt, erkläre ich und setze den Gesichtsausdruck auf, von dem ich immer hoffe, dass er mir im Krankenhaus-Praktikum als Gelassenheit ausgelegt wird während er darüber hinwegtäuscht, dass ich seit 5 Stunden aufs Klo muss. Um mich habt ihr euch am meisten Sorgen gemacht, triumphiert Dark Vader, weil meine Lunge so schlimm war und am wenigsten Sorgen habt ihr euch um die Zwillinge gemacht, denn, die waren ja sowieso schon tot. Ja, Schatz, sage ich, ganz genau. Warum ist das wichtig, wie man zur Welt kommt - Hauptsache, man kommt überhaupt raus, oder? Dark Vader wird mal nicht in die internationale Diplomatie gehen, soviel ist sicher. Es ist noch nie einer dringeblieben, sage ich. Aber vor allem deswegen, weil man die Geburt der eigenen Kinder ein Leben lang mit sich rumschleppt, versuche ich mich an einer Erklärung. Weil man ein Recht darauf hat, manche Sachen nicht zu wollen oder nicht wollen zu müssen und weil man ja sowieso nicht weiß, ob irgendwas so klappt, wie man es will. Also darf man vorher ruhig drauflos wünschen. Und vielleicht ist es auch mir besonders wichtig, weil ich mir eine Welt wünsche, in der es nicht darauf ankommmt, wo man geboren wird, wer die Eltern sind und welche Hautfarbe sie haben und schon gar nicht, wieviel Geld die haben. Der Tag, an dem jeder von uns zur Welt gekommen ist, waren die schönste Tage deines Lebens, stellt Dark Vader fest, das sagst du immer. Das ist auch so, bestätige ich. Ich hätte nie gedacht, dass so eine Unmenge an Glück überhaupt möglich ist, geh doch jetzt aber bitte mal einen Schritt zur Seite, du stehst nämlich mit einem Fuß in meiner Uni-Tasche und auf meinem Praxis-Portfolio. Und das möchte ich unzerknittert und ohne Dreckfuß-Imprint abgeben. Auch bei den Zwillingen - die waren ja tot, das ist doch traurig und nicht schön, Elly ist bekümmert und fasst sich mit seiner großen Hand ans Herz, ich sterbe nie. Auch bei den Zwillingen, sage ich und rolle mit meinem Bürostuhl-Rücken an den Iren ran. Weil sie tot sind und mir trotzdem viel dagelassen haben. Und weil ich sie zur Welt gebracht habe und niemand mir das je nehmen wird.

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