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Boyfriend-Be-Bop

von Edda

Mach mal ein Foto, sagt Dark Vader und stellt sich in Positur. In einer Hand hält sie eine Plastikgießkanne und in der anderen Hand hat sie sich einen Blumentopf vom Balkon geholt. Was hast du denn um den Kopf gewickelt, frage ich unsensibel. Dark Vader schnaubt. Das ist ein Stirnband, Mama. Ach so, sage ich, fast hätte ich gedacht, das sei der Schnürsenkel von Beanies Sportschuh. 1, 2, 3, und hier ist das Bild, bitteschön. Mama, jetzt mach das bei Insta rein - hashtag Countrycore. Schatz, taste ich mich vor, erklär doch mal. Instaaaaagram, sagt Dark Vader, kennt doch jeder und tanzt davon, einen Tüllrock aus der Verkleidungskiste tragend und mit meinem Thymianpflänzchen wedelnd.

Ich platze in das Arbeitszimmer des Iren, was in diesen Tagen sehr einfach ist, denn: es hat keine Zimmertür. Die wird nämlich gestrichen. Türen sind in unserem Haushalt ohnehin reines Placebo und dienen nur zur Motivation, sie aufzumachen, wann immer es einem passt. Beanie hat sich zum Hausaufgabenmachen mal aus reiner Verzweiflung eingeschlossen, was Mimimi auf der anderen Seite zu der steilen These hingerissen hat, die Tür sei kaputt. Sie ginge nämlich nicht auf. Was ist Countrycore, frage ich den Iren, der wie ein Berserker auf seine Tastatur einhackt. Der Ire macht diesen spannenden Gesichtsausdruck, bei dem ich immer denke, er versenkt sich auf eine Bewusstseinsebene, in der man den Eindringling durch Psychokinese wieder aus der Tür schieben kann. Challenge accepted! Countrycore, bekräftige ich meine andauernde Präsenz. Sounds to me like Dolly Parton featuring The Deadbeat Bang of Heartbreak City und damit setzt der Ire einfach seine Kopfhörer auf. Dann schau ich es eben selber nach, sage ich beleidigt, ist ja nicht so, als könnte ich das nicht.

Countrycore, erfahre ich, sei die Romantisierung des ländlichen Lebens, beziehe sich vor allem auf ästhetische Aspekte und sei ein Phänomen der westlichen Kultur. Schon klar, sage ich zu mir selber, will ja auch keiner Leute sehen, die mit der selbstgebauten Hacke furztrockenem Boden den letzten Ertrag abringen. Im Garten sehe ich, wie Dark Vader versucht, meine Wäscheleine zu drapieren. Mann, brülle ich aus dem Küchenfenster, jetzt schleif die Socken nicht durch den Dreck. Das Kind posiert an unseren Avocadobaum gelehnt vor einer Wäscheschnur voller Unterhosen und Socken. Und kurz danach greife ich erneut ein: Lass die Hühner in Ruhe, die wollen nicht auf deiner Schulter sitzen. Die hat Sorgen, sage ich zum Baby, das in minutenlanger Arbeit mühsam vom Wohnzimmer in die Küche gerobbt ist und jetzt erschöpft seinen Kopf auf meinen Fuß legt. Wo ist denn, kommt Elly um die Ecke geschossen, kann aber seinen Satz nicht zu Ende sagen, denn er knallt der Länge nach hin. Das Baby hat mir ein Bein gestellt, heult Elly, voll absichtlich. Räbääähhh, beschwert sich das Baby, ein quadratischer Fuß ist von meiner Speckwampe abgeprallt. Ihr nervt, befinde ich, alle.

Und was möchtest du mir von Insta erzählen, quatsche ich Beanie schleimscheißerisch von der Seite an. Man darf ja den Anschluß an die Interessen der Kinder nicht verlieren. Mama, motzt Beanie, peinlich. Jack aus meiner Klasse hat einen YouTube Kanal, der ist ganz ok: ExtremeSuperPowerXXL. Da filmt er sich selber, wie er im Garten Fußball spielt. Äh, sage ich lahm, klingt ja aufregend. Soll ich dich auch mal filmen? Bitte nicht, sagt Beanie und lässt den Haarvorhang runter.

Am nächsten Tag beim Abendessen frage ich, was es so Neues in der Schule gibt und stelle mich darauf ein, dass es Nichts gibt, so wie immer also. Aber weit gefehlt. Heute in der Schule JOHN bei der Mittagspause JOHN habe ich JOHN JOHN JOHN und dann die Ananas JOHN JOHN. Ich verstehe den Satz nicht, Schatz, sage ich zu Dark Vader und stelle mich auf eine sehr komplizierte Antwort ein. Und ich werde nicht enttäuscht: Stell dir vor, Mama, bricht es aus Dark Vader raus und über mich herein, ich mag den John und der mag aber die Lilly, deswegen mag ich jetzt den Oscar, weil der eigentlich die Billy mochte, aber die mag ja schon den Aidan. Und morgen heiraten die in der großen Pause, wenn wir alle schnell genug unseren Lunch essen. Prioritäten wohlüberlegt gesetzt, finde ich. Und sonst so, Elly, hast du dir ein schönes Buch aus der Bibliothek ausgeliehen? Manchmal muss man einfach die kommunikatorische Notbremse ziehen und hoffen, dass es dann überstanden ist. Ist es aber leider nie. Ich könnte doch da einfach mal vorbeischauen, beim Oscar daheim, nur so, quasselt Dark Vader ohne Luft zu holen. Der Oscar ist doch voll der Pupskopf, stellt Beanie mitleidlos fest. Aber er hat schöne Haare, schwärmt Dark Vader. Hat er Chips in seiner Lunchbox, fragt Elly, die könnte er ja auch mal mit uns teilen. Und ich mag ihn, jubelt Dark Vader.

To be continued.

PS: Countrycore ist übrigens auch der Blick aus meinem Küchenfenster. Dark Vader und die Wäscheleine habe ich einfach rausgefiltert.

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